Mobile Tiny Houses – finde deine eigene Freiheit

Ein Erfahrungsbericht von Imme zum Tiny House Bau Workshop im September 2019

 

Tiny Houses erobern langsam auch Deutschland. Ich selbst bin schon seit Jahren infiziert und es war immer klar, dass ich mir „später“ auch ein Tiny House baue. Selbst baue. Das machen ja offenbar alle. Das Internet quillt über von Berichten begeisterter und offenbar erfolgreicher Tiny-House-Selbstbauer. Anleitungen, Infos und endlose – mehr oder weniger fachlich geführte – Diskussionen in entsprechenden Tiny-House-Foren sind zu Hauf zu finden. Also alles ganz einfach, wenn man ein bisserl googelt und sich mit dem Thema auseinandersetzt. So schien es bisher.

Imme im Theorieunterricht

Schreiner im Gespräch mit Imme

Seit August 2019 steht fest: Im Sommer 2020 baue ich mir mein eigenes Tiny House. Seither ist nichts mehr einfach. Die schiere Menge an Themenfeldern, die ich mir vor dem Bau erarbeiten muss, um überhaupt sinnvolle grundlegende Entscheidungen treffen zu können, ist erst mal erschlagend.

Mit über 50 und ohne jegliche handwerkliche Erfahrung fange ich bei Null an. Das geht bei ganz einfachen Dingen los: Wie befestige ich einen Balken am anderen? Wie viele Schrauben braucht man da? Welche Schrauben genau eigentlich? Welchen Anforderungen genau müssen die genügen, damit das Haus langfristig hält – und baurechtlich genehmigt wird? Womit bohre ich die Schrauben? Welche Leistung muss so ein Akkuschrauber haben? Welchen kauf ich mir und was kostet so was? Ganz banale Fragen, die man durchaus online durch Recherche klären kann oder in Baumärkten oder bei Hobbybastlern im persönlichen Umfeld erfragen kann. Aber: Es gibt viele verschiedene Angaben und Auskünfte schon zu diesem simplen Thema. Wem vertraue ich da jetzt? Wer ist meine Instanz?

Richtig komplex wird es bei Themen wie beispielsweise der Energieversorgung. Wie heize ich? Will ich autark sein oder an Strom angeschlossen sein? Bodenheizung, Gas, Holz, Pellets? Zwei parallele Systeme, die sich ergänzen? Wo steht denn das Tiny House später? Auf einem Campingplatz? Dann darf es kein offenes Feuer (Holz/Pelletsofen etc) sein. Unterstütze ich mein System noch mit einem Solarluftkollektor, der außen am Haus angebracht wird? Und um nicht nach draußen zu heizen: Wie genau dämme ich mein Haus? Muss ich den staatlich vorgeschriebenen U-Wert (Wärmedurchgangskoeffizient) einhalten? Welche Materialien verwende ich, welche Folien, welche Holzplatten, in welcher Reihenfolge, womit dichte ich Löcher, die beim Schrauben oder Nageln erfolgen, wieder ab? Wie stelle ich sicher, dass mein Haus atmet aber keine Feuchtigkeit in der Wand bleibt und es anfängt zu schimmeln?

Die Fragen sind komplex und je tiefer man in die Thematik eindringt, desto komplexer werden sie. Mir war schnell klar: Ich brauche eine Instanz, der ich vertraue. Jemand, der Tiny Houses baut und nicht nur rein handwerklich weiß, wovon er spricht, sondern immer ganzheitlich im „Tiny House Kontext“ denkt. Mit Madeleine Krenzlin von IndiViva und Chritian Bock von der Tischlerei Bock habe ich diese Instanz für mich gefunden. Der dreitägige Tiny House Bau Workshop bei ihnen hat mir meine Sicherheit zurückgegeben. Ja, ich kann mein Tiny House selbst bauen.

Innerhalb von nur drei Tagen haben Madeleine und Christian es geschafft, uns 13 Teilnehmer extrem strukturiert durch die gesamte Planung eines Tiny Houses zu führen. Wir haben vormittags in Vortragsform die theoretischen Grundlagen erarbeitet:

Wo darf ich mein TH hinstellen, wie finde ich ein Grundstück, welche Bauauflagen muss ich einhalten, wie transportiere ich es auf der Straße, worauf achte ich bei der Hängerwahl, wie konstruiere ich mein TH am PC, wie baue ich die Bodenplatte, wie plane und baue ich eine Holzrahmenkonstruktion, wie und womit dämme ich, welche Fenster sind – anders als bei normalen Häusern – bei TH sinnvoll, bei welcher Dachform achte ich auf welche Problematiken, welche Heizvarianten gibt es, welche Haustechniken machen Sinn in einem TH, welche Materialien nutze ich und wo bekomme ich sie her, was kostet das alles, welches Werkzeug sollte ich selbst haben und wo kann ich etwas ausleihen oder nutzen, wie finanziere ich überhaupt alles, und und und.

Ergänzend dazu waren wir jeweils einen halben Tag in der Werkstatt und haben innerhalb dieser drei Tage unter Anleitung von Christian und seinem Werkstattteam den Rohbau eines realen Tiny Houses gebaut und ganz praktisch Balken abgemessen, gesägt, geschraubt, gebohrt, Bodenplatten gebaut, Folien geklebt, Fenster eingesetzt, Steckdosen eingebaut und abgeklebt, und und und.

„Das Rad muss nicht neu erfunden werden“, bemerkt Christian im Workshop eher beiläufig. Aber genau das ist es. Er hat bereits 18 Tiny Houses jeweils nach Kundenwünschen gebaut. Also 18 komplett individuelle Bauten, die in Aufbau und Ausbau kaum unterschiedlicher sein könnten. Entsprechend haben er und Madeleine für alle unsere Fragen eine Antwort. Und genau das macht diesen Workshop so unbezahlbar. Wir Teilnehmer sind mit unseren jeweiligen Planungen auf ganz verschiedenem Stand und bringen komplett unterschiedliches Vorwissen mit. Unsere Vorstellungen und Wünsche an unsere eigenen Tiny Houses reichen von eher unrealistisch, über visionär oder „bisher noch unklar“ und „da bin ich unsicher“ bis hin zu sehr konkreten Einzelplanungen. Aber alle haben wir konkrete Fragen, die uns in Bezug auf unser eigenes TH ganz besonders beschäftigen. Und – wie auch immer sie das innerhalb von nur drei Tagen hinbekommen haben – es ist Zeit für jede Frage.

Christian und Madeleine teilen im Tiny House Bau Workshop ihr Wissen mit uns. Was sie sich über Jahre hinweg, auch über den Umweg von Fehlentscheidungen, erarbeitet haben, geben sie innerhalb des Workshops in vollem Umfang an uns weiter. Das ist tatsächlich unbezahlbar. Ob ich über Eigenrecherche jemals all diese Informationen ausfindig gemacht hätte und vor allem in ihrer Relevanz jeweils richtig eingeordnet hätte – ich bezweifle es. Für mich haben sich in diesen Tagen ganz grundlegende Dinge geklärt. Und mein weiteres Vorgehen wird wesentlich strukturierter sein als bisher, weil ich bei vielen Materialien, Werkzeugen, technischen Fragen, etc nicht mehr wahllos suchen muss, sondern die Entscheidungen vielfach schon gefallen sind bzw. ich jetzt weiß, wie ich zu guten Entscheidungen finden kann. Und das fühlt sich gut an. Richtig gut.

Liebe Grüße, Imme